Ulrike Weiß verabschiedet sich als Geschäftsführerin des Zweitälerland-Tourismus. Foto: Sylvia Sredniawa

Ulrike Weiß:

"Man hat mir hier die Chance gegeben, etwas zu entwickeln"

Jahrelang führte Ulrike Weiß den Tourismus im "Zweitälerland" und krempelte ihn – erfolgreich – um. Nun wechselt sie an den Kaiserstuhl. Ein Gespräch über Herausforderungen und blutige Nasen.

Am Freitag, 13. August, hat sie ihren letzten Arbeitstag in der Geschäftsstelle des Zweitälerland-Tourismus im Bahnhof Bleibach. Danach wechselt die langjährige ZTL-Geschäftsführerin Ulrike Weiß an den Kaiserstuhl. Die Waldkircher BZ-Redaktionsleiterin Sylvia Sredniawa sprach zum Ausklang mit ihr.


BZ: Als Sie 2007 ins "Zweitälerland" kamen, hatten Sie zunächst das Produktmanagement übernommen. Wie wurden Sie aufgenommen?

Weiß: Das war eine ganz spannende Zeit. Ich hatte mich, damals 27-jährig, für das Produktmanagement im ZTL beworben, aber schon nach ein paar Tagen kam Urban Singler, der Gutacher Bürgermeister, als Vorsitzender der ZTL-Gesellschafterversammlung zu mir und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, auch die Prokura zu übernehmen, denn die damalige Geschäftsführerin war schwer erkrankt. Irgendwer musste die Entscheidungsbefugnis übernehmen. So wurde ich also mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen – das war eine ziemliche Herausforderung und eine sehr lehrreiche Zeit für mich. Aber ich würde sie nicht missen wollen. Die Aufnahme im Elz- und Simonswäldertal war sehr herzlich. Es kam gleich der Tourismusverein Simonswäldertal mit Blumen. Ich habe gemerkt, dass die Leute sich darauf gefreut haben, dass ich da bin und es nun – kurz nach der vorangegangenen Strukturveränderung – vorwärtsgehen soll mit dem Tourismus.

BZ: Manches wurde beibehalten, wie die Schlemmerwochen der Zweitälerland-Köche, Vieles wurde neu aufgestellt. Kurz nach Ihrem Start drohte Elzach wegen des Leistungsverrechnungsschlüssels auszutreten. Wie wichtig waren Ihnen konsensuale Lösungen mit den Akteuren in den sechs, später mit Gütenbach sieben ZTL-Gemeinden?

Weiß: Anfangs bestand tatsächlich die Hauptarbeit darin, Konsens herbeizuführen. Ich fand das essentiell. Es war schon berechtigt, was die Stadt Elzach damals am Leistungsschlüssel moniert hatte, nämlich dass die Patienten der BDH-Klinik als Übernachtungsgäste in die Berechnungen eingingen. Bei einer Besichtigung konnte ich mir ein eigenes Bild machen. Man kann nur über Sachen diskutieren, wenn man sie selber kennt – das war und ist immer meine Devise. Ich habe dann versucht, die Elzacher in ihrem Ansinnen zu unterstützen. Letztendlich musste es darum gehen, einen für alle Gemeinden akzeptablen Weg zu finden, die Tourismusgesellschaft zu gestalten und auch finanziell zu tragen. Die Konsensfindung war essentiell, um aus der Situation herauszukommen, dass die Tourismusgesellschaft sich immer nur um sich selbst dreht. Als dies vorbei war, konnten wir im Team endlich tatsächlich an die Arbeit gehen und Output bringen.

"Inzwischen ist das ZTL im Schwarzwald eine der ältesten Tourismusgesellschaften, während viele andere nicht überlebt oder sich zu größeren Verbünden zusammengeschlossen haben."

Inzwischen ist das ZTL im Schwarzwald eine der ältesten Tourismusgesellschaften, während viele andere nicht überlebt oder sich zu größeren Verbünden zusammengeschlossen haben. Es war also in gewissem Sinne zukunftsweisend, was im Elz- und Simonswäldertal – gemeinsam – auf den Weg gebracht wurde.

BZ: Wesentliche Standbeine für den Tourismus sind die Beherbergungsbetriebe, von der kleinen Ferienwohnung bis zum großen Hotel. Wie hat der ZTL-Tourismus mit ihnen zusammengearbeitet, welche Rolle spielten da Qualität und Quantität?

Weiß: Gastgeber sind das Wesentliche, was eine Tourismusregion braucht. Qualität schlägt dabei Quantität. Durch Schulungen und Zertifizierungsoffensiven, wie vom Deutschen Tourismusverband oder vom Wanderverband für die Qualitätsgastgeber Wanderbares Deutschland haben wir als Tourismusgesellschaft versucht, die Entwicklung zu zukunftsfähigen Gastgebern zu unterstützen und in ihrem Wunsch zu investieren bestärkt.

"Die Gäste wollen heute nicht mehr ’traditionelle’ Zimmer mit kaltem Wasser aus der Wand, und das war’s – sie haben ihre Ansprüche."


Die Gäste wollen heute nicht mehr "traditionelle" Zimmer mit kaltem Wasser aus der Wand, und das war’s – sie haben ihre Ansprüche. Wenn die nicht erfüllt werden, gehen sie eben woanders hin, da können die Gegend und auch die Angebote, die Touristen nutzen können, so schön sein wie sie wollen. Einige ältere Gastgeber lassen den Beherbergungsbetrieb auslaufen. Damit geht die Bettenzahl zurück. Im ZTL haben wir im Jahr 2000 über 5000 Betten – wenn auch einschließlich der Kliniken – gehabt, 2010 waren es noch 4737, 2020 noch 3741. Trotzdem konnten wir bei den Ankünften und Übernachtungen, bis auf die Corona-Zeit, sehr gute Entwicklungen verzeichnen. Als ich anfing beim ZTL, hatten wir rund 75 000 Ankünfte, 2019 überschritten wir die 100 000er Marke. Man braucht heute auch mehr Ankünfte, um eine gleichbleibende Zahl an Übernachtungen zu generieren.

Ulrike Weiß (41) war seit 2007 für die Elztal und Simonswäldertal Tourismus GmbH & Co. KG tätig, seit 2009 dann als Geschäftsführerin. Jetzt wechselt sie zum Naturgarten Kaiserstuhl.


BZ: Manchmal herrschte in den Gremien Staunen darüber, was die Vermarktung des ZTL kostet. Wie wichtig sind Messebesuche, Onlineauftritte, Presseeinladungen für Magazin-Journalisten oder der Kontakt zu Influencern?

Weiß: Die Beurteilung, ob das Marketing für eine Region teuer ist oder nicht, ist sicher Ansichtssache. Wenn man das Budget von anderen Tourismus-Destinationen in Deutschland oder zum Beispiel Südtirol nimmt, ist es hier eher überschaubar – aber wir waren eigentlich immer glücklich, damit auch recht frei umgehen zu können, um alle Kanäle – von unseren Magazinen, über die Messen, Internet und soziale Medien – bespielen zu können. Man muss ein Netzwerk haben, um für Bekanntheit unserer Region zu sorgen. Wichtig war mir aber auch immer die Gremienarbeit. Mindestens einmal im Jahr war ich in allen Gemeinderäten, um vorzustellen, was wir machen. Wir wirken ja eher nach außen und sind in der Region selber nicht so sichtbar. Tourismus ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe. Vernetzung ist das A und O.

"Ohne den Schwarzwaldverein hätte die Zertifizierung als Qualitätswanderregion nicht funktionieren können."


BZ: Apropos Netzwerk. Unter Ihrer Leitung wurde ja die Zusammenarbeit mit den Schwarzwaldvereinen stark ausgebaut, um das Markenzeichen Qualitätswanderregion auf- und auszubauen.

Weiß: Ja, das stimmt. Wir haben hier das Glück, funktionierende Ortsvereine des Schwarzwaldvereins zu haben. Mir war es ganz wichtig, die Vereine in der Zusammenarbeit für den Tourismus nicht auszunutzen, sondern ihnen mit Wertschätzung gegenüber zu treten. Man muss ganz klar sagen, ohne den Schwarzwaldverein hätte die Zertifizierung als Qualitätswanderregion nicht funktionieren können. Mittlerweile haben wir zwischen dem ZTL und den Ortsvereinen Betreuungsverträge geschlossen, so dass die Vereine wenigstens eine kleine Aufwandsentschädigung für ihre umfangreiche Arbeit am Wegenetz erhalten. Die weitere Entwicklung, auch in den Vereinen selbst, deren Mitglieder ja nicht jünger und die Aktiven nicht zahlreicher werden, wird sicher ein Zukunftsthema sein.

BZ: Die Schaffung und Zertifizierung des 108 Kilometer langen Zweitälersteigs war sicher ein Highlight Ihrer Zeit hier. Sind Sie ihn komplett selbst gewandert?

Weiß: Nicht am Stück, aber Stück für Stück. Ich muss ja kennen, was ich vermarkte. Neulich hatte ich einen Anruf auf unserem Servicetelefon, wo jemand mitten in der Gegend stand, nicht mehr weiterwusste und nach dem Weg fragte. Da konnte ich ihm helfen. Das freute mich und den Gast gleichermaßen.

BZ: Viele der Urlauber im "Zweitälerland" sind ja nicht mehr so ganz jung. Sie haben versucht, "jüngere" Angebote zu etablieren, wie das Mountainbikenetz. Wie wichtig sind weitere Angebote für die Tourismuszukunft des ZTL? Kann das gelingen, ohne die Gegend zu einem Rummelplatz zu machen?

Weiß: Ich denke schon, dass das gelingen kann, allerdings habe ich mir beim Thema Mountainbike eine blutige Nase geholt. Ich hätte solch ein MTB-Netz sinnvoll gefunden als Möglichkeit für die entsprechende, jüngere, Urlaubergruppe, im Zweitälerland ihrem Hobby auf eine legale und gelenkte Weise nachgehen zu können. Es gab aber auch schlüssige Argumente der Gegner.

Konflikt: In der Pandemie kommen Mountainbiker und Wanderer sich häufiger in die Quere


Solch ein Thema mit der Brechstange durchzubringen, hat keinen Sinn, dann stirbt es eher früher als später. Von Anfang an war das Thema Nachhaltigkeit im "Zweitälerland" immer wichtig und wurde auch in der Satzung des ZTL verankert. Und das geht vor allem mit Konsens. Ähnlich wie bei den Trekkingcamps – vier sind entlang des Zweitälersteigs geplant, damit man ihn auf einmal abwandern kann. Dazu laufen derzeit Gespräche und auch Abstimmungen mit verschiedenen Interessengruppen.

"Ich will gerne noch mal eine neue berufliche Herausforderung annehmen."


BZ: Sie wechseln an den Kaiserstuhl, einer schon ähnlich wie das Zweitälerland recht gut entwickelten Tourismusregion. Was reizt sie daran?

Weiß: Ich will gerne noch mal eine neue berufliche Herausforderung annehmen. Was mich reizt, ist die Verbindung des Themas Wein auf dem Weg vom Regional- zum Tourismusmarketing, quasi von innen nach außen. Das umzusetzen, finde ich sehr spannend. Ich bringe gerne Projekte voran. Zum "Naturgarten Kaiserstuhl" gehören 13 Gemeinden, einschließlich des Tunibergs.

BZ: Bleiben Sie dem Elztal noch ein bisschen erhalten – zum Beispiel im Schwarzwaldverein Waldkirch-Kandel und auch mit Wohnsitz – oder geht’s auch privat an den Kaiserstuhl?

Weiß: Das muss sich entwickeln. Dem Schwarzwaldverein werde ich treu bleiben und wohntechnisch auch – aber mal sehen. Ich bin unglaublich dankbar für die Erfahrung im "Zweitälerland". Man hat mir hier die Chance und das Vertrauen gegeben, etwas zu entwickeln. Das war manchmal hart, aber auch lehrreich und bereichernd. Ich habe das Verhältnis zu den Gemeinden und den Leistungsträgern immer sehr geschätzt und auch die Arbeit hier im Team. Dass Letzteres auch weiterhin, nun unter Leitung von Nicola Kaatz, so sein wird, davon bin ich überzeugt.

BZ, Sylvia Sredniawa